Sonntag, 9. Oktober 2016

Gedanken am 7. Oktober (Weinmond)


Die erzählerische Ausgangssituation der Bhagavadgita ist ein ethisches Dilemma, mit dem sich der Prinz Arjuna konfrontiert sieht: Die äusseren Umstände und seine Kriegspflicht zwingen ihn, eine mörderische Schlacht gegen Verwandte, Freunde und Lehrer auszufechten - sein Herz sträubte sich mit aller Kraft dagegen. Sein Wagenlenker, der niemand anders als der Gottmensch Krishna ist, sagt darauf zu ihm: "Weise klagen weder um Tote noch um Lebende. Niemals war ich nicht, noch du, noch diese Fürsten, noch werden wir alle in Zukunft jemals nicht sein. Ebenso wie das Selbst in diesem Leib Kindheit, Jugend und Alter erfährt, so begibt es sich nach dem Tode lediglich in einen anderen Körper. Daran wir der Weise nicht irre ... Gleich wie der Mensch abgenutzte Kleider ablegt und andere, neue anzieht, so legt das Selbst die abgenutzten Körper ab und geht in andere, neue ein" (Bhagavadgita II, 11-13, 22)

Mittwoch, 5. Oktober 2016

Gedanken am 6. Oktober (Weinmond)


Das "Vertrautsein mit unserem Tod", wie Don Juan es nennt, konfrontiert uns zwangsläufig mit unseren Vorstellungen über die Seele. C. G. Jung schrieb in seiner Autobiographie, wir müssten einen Mythos über den Tod haben. "Der Mensch muss sich darüber ausweisen können, dass er sein möglichstes getan hat, sich eine Auffassung über das Leben nach dem Tode zu bilden oder sich ein Bild zu machen - und sei es mit dem Eingeständnis seiner Ohnmacht. Wer das nicht tut, hat etwas verloren." Obwohl Jung eine Reihe erstaunlicher Visionen und Träume über das Fortleben der Seele hatte, wies er immer wieder darauf hin, wir können nie Sicherheit über Dinge gewinnen, die, wie der Tod, unseren Verstand übersteigen. Die Vorstellung aber, die wir uns darüber machen, bestimmen in entscheidenden Masse, wie wir unser Leben führen.

Gedanken am 5. Oktober (Weinmond)


Der letzte Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, bevor ich nach der gestern erwähnten Sitzung mit AIDS- Kranken frontal gegen ein anderes Auto knallte, war: "Na ja, vielleicht habe ich so wenigstens eine Nahtoderfahrung". Ich hatte keine im technischen Sinn des Worte, wohl aber in dem Sinne, dass in dem Augenblick mein bisheriges, altes Leben endete. Nach einer Nasenoperation und ein paar Tagen im Krankenhaus wurde mir schlagartig bewusst, dass mir etliches an meinem Leben nicht gefiel. Und wenn jeder Augenblick unser letzter sein kann, warum dann Entscheidungen auf die lange Bank schieben? Schon wenige Monate später hatte ich meine Arbeit im Krankenhaus und meine Lehrtätigkeit aufgegeben.

Montag, 3. Oktober 2016

Gedanken am 4. Oktober (Weinmond)



Ende der 80er Jahre arbeitete ich mit einer Gruppe von AIDS- Kranken. Ich las Ihnen eine Textstelle aus "Eine andere Wirklichkeit" con Carlos Castaneda vor. Sein "Wohltäter" Don Juan, will ihm helfen, zu einem Krieger zu werden, einen Menschen, der achtsam, makellos und stark lebt. Wie er erklärt, "Muss ein Mann, um ein Krieger zu sein, in ersten Linie mit seinem Tod vertraut sein. Und das zu Recht." Als ich Don Juans Worte las, kam ich mir irgendwie verlogen vor. Schliesslich hatte ich kein AIDS und war nicht annähernd so direkt mit meinem Tod konfrontiert, wie diese Menschen. Also fügte ich etwas lahm dazu, für jeden sei die Stunde des Todes ungewiss. Schliesslich könne ich auf meinem Heimweg einen Autounfall haben. Was auch prompt geschah.

Sonntag, 2. Oktober 2016

Gedanken am 3. Oktober (Weinmond)


Ich bin schon immer gern mit Menschen zusammengewesen, die an der Schwelle des Todes stehen, weil viele von ihnen weit lebendiger sind als die Mehrzahl der Leute. Wer Krebs oder AIDS hat, "darf" sagen, was er wirklich denkt und empfindet. Er entdeckt in sich vielleicht bislang unbekannte Seelenkräfte. Das Leben erscheint kostbar und unmittelbar, wenn sein Ende in Sicht ist. Wenn es der letzte Frühling sein könnte, den du erlebst, sind die Blüten einer Azalee von einer fast schmerzhaften Schönheit. Wenn du den nächsten Geburtstag deines Kindes vielleicht nicht mehr erleben wirst, ist jede Minute, die du mit ihm verbringen kannst, ein kostbares Geschenk. Solche Dinge waren schon immer Geschenke, aber wenn wir ohne Bewusstsein des Todes dahinleben, fällt es uns schwer, die Schönheit und die Liebe wahrzunehmen, die uns jederzeit umgeben. Der Tod öffnet uns erst die Augen.

Samstag, 1. Oktober 2016

Gedanken am 2. Oktober (Weinmond)


Der Tod fasziniert uns als abstrakter Gedanke und stösst uns als konkreter Einzelfall ab. Das vorzeitige Ableben all jener Unglücklicher, die den Bränden, Kriegen und Schiessereien, die uns in den Abendnachrichten vorgeführt werden, zum Opfer fallen, erschüttert uns zutiefst. Aber abgesehen davon sind wir durchaus imstande, tagaus, tagein die Realität des Todes zur Kenntnis zu nehmen, ohne einen bewussten Gedanken daran zu verschwenden, dass der Engel des Todes einmal auch an unsere Tür klopfen wird. Es ist traurig, aber wahr. Und solange wir nicht erkennen, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, laufen wir allzuleicht Gefahr, die vielen Geschenke und Gelegenheiten des Lebens zu übersehen und in Selbstgefälligkeit oder die erschöpfende Unart des Selbstmitleids zu verfallen.

Gedanken am 1. Oktober (Weinmond)


In meiner Kindheit war der Herbst meine liebste Jahreszeit. Die Bäume kleideten sich äusserst elegant in rot-, Orange- und Goldtönen. Ihre von der kalten Luft und der zunehmenden Dunkelheit herbeigeführte Verwandlung erweckte in mir ein Gefühl des Geheimnisvollen, das, noch weiter verstärkt wurde durch die körperliche Wonne, die es mir bereitete, in die herabfallenden Blätter zu springen, mich in ihnen zu rollen und regelrecht einzugraben. Die schönsten Exemplare wurden zwischen Löschpapier gelegt und zwischen den Seiten eines dicken Lexikons gepresst. Das war ihre Gruft. Obwohl der Tod des Sommers unmittelbar bevorstand, schienen tief unter der Erde bereits die ersten Regungen des neuen Lebens spürbar zu werden.