Freitag, 21. Oktober 2016

Gedanken am 22. Oktober (Weinmond)


Wenn unsere alten Wunden nicht geheilt sind, ehe wir daran gehen, unseren Geist zu zähmen, werden die Gefühlsmonster unentwegt an der Kellertür scharren, während wir uns mit bemühtem Lächeln von der anderen Seite dagegenstemmen. Dies heisst, Gefühle verdrängen, nicht, sie auf dem Weg des "Yoga der Gefühle" transformieren. Wenn Leute die "spirituelle Umgehungsstrasse" zur emotionalen Heilung wählen, bleibt dies in der Regel unvollständig und dazu auch noch unbefriedigend. Wir können alte Gefühle nicht einfach "wegwünschen", ebensowenig aber spirituelle Übungen zu deren Überwindung durchführen, solange wir nicht eine heilende Geschichte gewoben haben, die unsere bisherigen Erfahrungen transformiert und allem Schmerz, den wir erlitten haben mögen, Sinn verleiht.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

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Gedanken am 21. Oktober (Weinmond)


Ich nahm einmal an einem Wochenend- Workshop mit einem einem bekannten Psychologen teil. Eine der Anwesenden, ein Psychologe, fing an, sich darüber zu verbreiten, wie er sein inneres Kind wiederentdeckt und getröstet habe und nun täglich mit ihm spielt. Irgendwann brüllte der Vortragende dazwischen: "Na schön, dann ist es ja wohl langsam an der Zeit, den kleinen Scheisser zu begraben, oder?" Das brachte den Psychologen und einige andere ganz schön auf die Palme. Aber wenn ich den Vortragenden richtig verstanden habe, wollte er damit sagen, dass es nicht genug ist, unsere Wunden zu heilen: Wir müssen sie anschliessend transzentieren. Heranwachsen bedeutet letztlich, dass das innere Kind stirbt und ein emotional reifer Erwachsener geboren wird.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Gedanken am 20. Oktober (Weinmond)


Mehrere meiner Vorträge handeln davon, wie wir die seelischen Wunden, die wir in der Kindheit davongetragen haben, heilen können. Ist diese Heilung erst gelungen, fällt es uns leichter, Gefühle auf eine nichtverletzende Art auszudrücken. Aber bis es soweit ist, sind wir wie Kleinkinder, die es nicht ertragen, nicht immer im Mittelpunkt der allgemeinen bewundernden Aufmerksamkeit zu stehen. Wir brauchen die Gewissheit, selbst dann noch geliebt zu werden, wenn wir Mami sagen, sie sei so fies, dass wir froh wären, wenn sie tot umfiele. Solang wir klein sind, sind unsere Gefühle wirklich heilige Kühe. Aber wenn unsere kindlichen Regungen geachtet werden, wachsen wir in der Geborgenheit des Wissens auf, dass Gefühle nicht die absolute Wahrheit sind. Sie sind Reaktionen auf die Welt, die uns wertvolle Lehren vermitteln können.

Gedanken am 19. Oktober (Weinmond)


Es gibt einen weitverbreiteten Mythos, der von sogenannten guten und schlechten Gefühlen handelt. "Gute" Emotionen wie Liebe, Freude und Frieden gelten als Tugend. "Schlechte" Gefühle wie Zorn, Eifersucht und Traurigkeit gelten als Laster. Dies ist ein weiteres Beispiel für den kindlichen Irrglauben, Gut und Böse seien deutlich erkannbare Gegebenheiten, wie verschiedenfarbige Kieselsteine. Wenn wir nie Zorn verspürt hätten, hätten wir auch kaum ein Gefühl dafür entwickeln können, wann unsere Grenzen verletzt werden und wir uns in acht nehmen und möglicherweise bestimmte Konsequenzen ziehen sollten. Hätten wir nie die Qualen der Eifersucht erlitten, hätten wir nur wenig Grund, die Fähigkeit in uns zu kultivieren, uns über das Glück anderer zu freuen. Wenn die Wahrnehmung der Unbeständigkeit aller Dinge uns nicht traurig machte, hätten wir keine Veranlassung, uns auf die Suche nach dem Heimweg zu Gott zu machen. Gefühle gehören zu unseren wertvollsten Lehrmeistern, solange wir nicht versuchen, sie zu Rechtfertigung unseres Standpunkt zu gebrauchen.

Montag, 17. Oktober 2016

Gedanken am 18. Oktober (Weinmond)


Ehrlichkeit ist, ebenso wie Geduld und Toleranz, eine oft missverstandene Tugend. Wir reden davon, "unsere Gefühle ehrlich zu äussern". Ich könnte mir sehr gut einen Film mit Woody Allen über dieses Thema vorstellen. In einer Szene könnte er sich etwa ausmalen, wie er auf der Strasse auf eine Frau zugeht, deren mürrischer Ausdruck ihn an seine strenge Mutter erinnert, und sie anpflaumt: "Stell diese idiotische Grimasse ab, du miese alte Hexe! Ist die nicht klar, dass du mir den ganzen Tag versaust?" Das heisst in der Pop- Kultur "seine Gefühle ehrlich äussern". Die Vorstellung, unsere Gefühle seien etwas wie eine heilige Kuh, die eine besonders rücksichtsvolle Behandlung verdient, ist eine der peinlichsten Schöpfungen der Selbsthilfebewegung.

Gedanken am 17. Oktober (Weinmond)


Toleranz ist eine Tugend, die ebensooft missverstanden wird wie die Geduld. Darüber, dass das, was die meisten Leute Geduld nennen, in Wirklichkeit bis zum äussersten gespannte Ungeduld ist, haben wir bereits im März gesprochen. Analog dazu verstehen wir unter Toleranz im allgemeinen, uns höflich zu verkneifen, irgendwelche armen Ignoranten an unserer höheren Einsicht teilhaben zu lassen. Echte Toleranz hat aber eher etwas mit der weisen Empfehlung der amerikanischen Ureinwohner zu tun, ehe wir einen anderen beurteilen "tausend Meilen in seinen Mokassins zu gehen". Bis wir die hinter uns gebracht haben, sind wir bestimmt zu müde, ein Urteil zu fällen. Und wenn wir dann doch noch in der Laune sein sollten, Kommentare über die Lebensweise des anderen abzugeben, dann werden wir dies aller Wahrscheinlichkeit nach mit mehr Wohlwollen und Güte tun, als es nach einer flüchtigen Betrachtung der Fall gewesen wäre.