Freitag, 7. April 2017

Gedanken am 8. April (Ostermond)

Das Ich ist unermüdlich in seinem Denken und Urteilen.
Deswegen nenne ich es oft den »Richter«. Es ist völlig
unmöglich, den Richter auszutricksen oder durch logische
Argumente zu schlagen - das einzige, was man tun kann, ist,
ihn hinter sich zu lassen, genauso wie wir in der Meditation
lernen, unsere Gedanken hinter uns zu lassen. Sogyal Rinpoche,
ein tibetischer Lama, vergleicht die Gedanken, die während
der Meditation auftauchen, mit den Wellen des Ozeans.
Es Hegt in der Natur des Ozeans, sich zu weUen. Wir können
ihn nicht daran hindern, aber, wie Sogyal sagt, wir können
»die Wellen den Wellen überlassen«.

Tempelarbeit:
Durch die Meditation erlernen wir die geistige Kampfkunst, die es
uns ermöglicht, dem durchtriebenen Ich und seinen unablässigen
Beurteilungen auszuweichen. Verweile für ein paar Minuten in
der Shamatha-Vipassana, so, wie wir es gestern geübt haben.
Wenn Gedanken auftauchen, »überlasse die Wellen den Wellen«.
Wann immer dein Ich im Laufe des heutigen Tages seine ermüdende
Richtertätigkeit wiederaufnimmt, »überlasse die Wellen den

Wellen«.

#meditation #lama

Donnerstag, 6. April 2017

Gedanken am 7. April (Ostermond)

In Die Kraft der Stille beschrieb Carlos Castaneda eine Erfahrung,
die ihm den Unterschied zwischen seinem Ich und
seinem Höheren Selbst vor Augen führte. Sein Höheres
Selbst erschien »alt, sorglos und gleichgültig... weil es allen
Dingen ebenbürtig war. Es erwartete nichts und freute sich
an allem. Der andere Teil w a r . . . n e u . . . nervös und schnell.
Er machte sich Sorgen, weil er unsicher war. E r konnte sich
an nichts erfreuen, weil er nicht mit den anderen Dingen
verbunden war.« Castaneda begriff, daß er die Welt ausschließlich
durch diesen einsamen, verletzlichen Teil seiner
selbst betrachtete.

Tempelarbeit:
Die tibetisch-buddhistische Praxis der Shamatha-Vipassana, der
Meditation des ruhigen Verweilens (shamatha) und der Einsicht
(vipassana), ist eine grundlegende Übung, um mit dem Höheren
Selbst anstatt mit den Augen des Ichs sehen zu lernen.
Nimm eine würdevolle, aufrechte Sitzhaltung ein. Sieh direkt vor
dich, mit leicht nach unten gerichteten Augen und ohne etwas
Bestimmtes zu fixieren. Werde dir deines Atems bewußt - wie er
hereinströmt und dich füllt und wie er wieder in den Raum
hinausfließt. Halte ungefähr 25 Prozent deiner Aufmerksamkeit
auf den Atem gerichtet und die übrigen 75 Prozent auf das Gefühl
von Geräumigkeit. Wenn Gedanken auftauchen, lasse sie einfach

vorüberziehen. Fahre fünf Minuten lang so fort.

#castaneda #buddhistische Praxis

Mittwoch, 5. April 2017

Gedanken am 6. April (Ostermond)

Um wieder wie ein Kind sein und der Welt mit Unschuld
und Demut begegnen zu können, müssen wir uns unserer
zwiefachen Natur bewußt werden. Unser Höheres Selbst,
der verborgene Gottessame, hat schon immer in bewußtem
Kontakt zur Göttlichen Gegenwart gestanden, hat schon
immer die Welt so gesehen, wie sie ist. Unser Ich, die Maske
aus Eigendünkel, die wir der Welt zeigen, ist ausschließlich
durch unsere Lebensgeschichte bestimmt.

Tempelarbeit:
Das Ich ist ein vollendeter Lehrer der spirituellen Kampfkünste.
Wenn wir mit ihm streiten oder ihm Widerstand entgegensetzen,
wird es nur stärker. Wenn wir es zur Kenntnis nehmen und
weiterziehen lassen, kommt unser Höheres Selbst spontan zum
Vorschein.
Wenn sich im Laufe des heutigen Tages dein Ich in Gestalt von
Kritiksucht, Angst, Unsicherheit, Stolz oder »Besserwissertum«
meldet, verschwende keine Zeit damit, deine Regungen zu untersuchen.
Nimm sie einfach zur Kenntnis und lasse sie vorübergehen.
Sag dir: »Ach, da ist ja wieder mein Ich.« Atme einmal tief durch
und ziehe weiter.

#gottesname #unschuld

Dienstag, 4. April 2017

Gedanken am 5. April (Ostermond)

Wir können unseren Eigendünkel nicht aufgeben und die
Grenzen von »ich« und »mein« nicht überschreiten, solange
wir kein Ich- oder Selbstgefühl haben, von dem wir ausgehen
könnten. Wenn wir danach streben, gleich und eins mit dem
Göttlichen zu werden, unterliegen wir oft einem weitverbreiteten
Irrtum. Er besteht darin, eine »spirituelle Umgehungsstraße
« einzuschlagen: In unserer Eile, das begrenzte
Ich aufzugeben, unterlassen wir es, auf unsere Lebensgeschichte
zurückzublicken und sie genau zu erforschen, unsere
Wunden zu heilen und die Weisheit unserer vielen
Vergangenheiten zu ernten. Ehe wir dies nicht geleistet haben,
sind wir noch nicht vollständig in unser Ich »eingezogen
«, können es also auch nicht bewußt verlassen.

Tempelarbeit:
Großer Geist, mein Herz sehnt sich nach Freiheit und Vereinigung
mit Deiner Liebenden Gegenwart. Hilf mir bitte, die
Arbeit der Selbstreflexion und Selbstannahme zu vollenden,
auf daß ich meinen Eigendünkel Dir hingeben und beginnen
kann, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.
Atme ein paarmal loslassend durch und verweile für ein paar
Minuten im Gebet der Sammlung oder im Ei aus Licht. Reflektiere
über die Heilung deiner Lebensgeschichte, die du bis zu diesem
Augenblick bereits bewirkt hast. Beglückwünsche dich selbst zu
dem, was du bislang erreicht hast, und überlege dir, welche zusätzlichen

Schritte jetzt noch nötig sein könnten.

#lebensgeschichte 

Montag, 3. April 2017

Gedanken am 4. April (Ostermond)

Don Juan ist ein indianischer »Mann des Wissens«, der
durch die Bücher des Anthropologen Carlos Castaneda
Weltruhm erlangt hat. Don Juan sagt, daß wir deswegen
außerstande sind, die Welt so zu sehen, wie sie ist, weil unser
Energiefeld in unserem Gefühl eigener Wichtigkeit eingeschlossen
bleibt - in dem also, was manche philosophischen
Systeme unser »Ich« nennen. Wir sind dann wie Fernsehgeräte,
die nur einen einzigen Kanal empfangen können: denjenigen
Sender, der für unsere persönlichen Anliegen und
unsere Lebensgeschichte am wichtigsten ist.

Tempelarbeit:
Gedankt sei Dir, Großer Geist, dafür, daß Du mich lehrst,
die Welt mit neuen Augen zu sehen. Hilf mir, Menschen und
Dinge nicht nur als das zu sehen, was sie für mich bedeuten,
sondern in ihrem wahren Wesen. Hilf mir, den Eigendünkel
auszulöschen, der alle meine Wahrnehmungen in das beschränkte
Bedeutungsfeld hineinquetscht, das für das »Ich«
und seine selbstsüchtigen Interessen am wichtigsten ist.
Atme ein paarmal loslassend durch und begib dich an den Ort der
inneren Stille, den Ort, der jenseits deiner gewohnten Erklärungen
und Interessen liegt. Lasse deinen Blick aufmerksam durch den
ganzen Raum schweifen und sage zu dir selbst: »Alles, was ich sehe,
existiert in Beziehung zu mir. Ich rufe Uriel und die Engel der

Klarsicht an, daß sie mir helfen mögen, uneigennützig zu sehen.«

Sonntag, 2. April 2017

Gedanken am 3. April (Ostermond)

Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehret und werdet
wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich
kommen. Wer sich nun selbst erniedrigt wie dies Kind, der
ist der Größte im Himmelreich.
-Jesus (Matthäus 18, 3-4)*

Tempelarbeit:
Übe dich in Demut, indem du dir bewußtmachst, daß das meiste
von dem, was du zu wissen meinst, tatsächlich das Ergebnis der
Hypnose durch die Übereinkunft dessen ist, was wir als Wirklichkeit
bezeichnen. Schau dich jetzt, in diesem Moment, um und
konzentriere dich auf einen beliebigen Gegenstand. Sage dir
nun: »Was, wenn ich noch nie eine Lampe (ein Waschbecken, eine
Hand.. .) wirklich gesehen hätte?« Rufe Urielund die Engelder
Klarheit an, daß sie dir helfen mögen, diesen Gegenstand so zu
sehen, wie er ist, anstatt so, wie du meinst, daß er sei. Wiederhole
diese Übung noch zwei- bis dreimal im Laufe des heutigen Tages.
* In allen Geschichten, die ich aus dem Evangelium nacherzähle, stammen
die Worte Jesu direkt aus der [modernisierten Luther-]Bibel und

sind durch Anführungsstriche gekennzeichnet.

Samstag, 1. April 2017

Gedanken am 2. April (Ostermond)

Die meisten spirituellen Traditionen bedienen sich des
Gleichnisses, um unsere besserwisserische Natur zu überwinden
und einen unmittelbaren Kontakt zu der Unschuld
herzustellen, die wir als Kinder besaßen. In einem berühmten
Zen-Gleichnis besucht ein Universitätsprofessor einen
Mönch, um festzustellen, ob dieser ihm noch etwas beibringen
könne. Der Mönch schenkt dem Professor Tee ein, doch
als die Tasse voll ist, richtet er die Kanne nicht wieder auf,
sondern gießt munter weiter, bis die Tasse überläuft und sich
eine heiße Lache auf dem Tisch bildet. Der Professor springt
erschrocken auf und ist überzeugt, es mit einem hoffnungslosen
Idioten zu tun zu haben. Der Mönch aber erklärt
gelassen, der Geist des Professors sei wie die Tasse - schon zu
voll, als daß noch etwas hineinpassen könnte.

Tempelarbeit:
Großer Geist, lasse mich in die Freiheit fliegen auf den
Schwingen der Demut! Hilf mir zu erkennen, daß ich, je
weniger ich behaupte zu wissen, desto mehr von den Lektionen
des Lebens in mich aufnehmen kann.
Verweile für ein paar Minuten in der Stille und Unschuld des
Gebets der Sammlung. Es gibt keinen Ort, wohin der Geist gehen

könnte - also sei einfach gegenwärtig, frei von jeder Erwartung.

#zengleichnis