Donnerstag, 7. September 2017

Gedanken am 8. September (Herbstmond)

Wenn es uns gelungen ist, uns psychisch von unseren Eltern
abzunabeln und ein eigenständiges Selbstgefühl zu entwickeln,
haben wir uns als junge Erwachsene spezifische Antworten
auf die großen Fragen »Wer bin ich? Was ist der Sinn
des Lebens? Gibt es einen Gott?« zurechtgelegt. Doch erst
tun die Mitte des Lebens gelangt unsere Spiritualität zu
wirklicher Reife, und zwar durch die Erfahrung dessen, was
der Theologe James Fowler das »Sakrament der Niederlage
« nennt. Unser jugendlicher Idealismus zerbröckelt, und
wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, daß es keine eindeutigen
Antworten auf die Widersprüche des Lebens gibt
und keine Möglichkeit, der Unbeständigkeit aller Dinge und
dem Leiden zu entrinnen. Wir erkennen, daß guten Menschen
ebensohäufig Schlimmes widerfährt wie bösen - wenn
nicht sogar noch häufiger. An diesem Punkt bricht das Gerüst
äußerlicher Religiosität häufig zusammen, und wenn wir
die sich daran anschließende »dunkle Nacht der Seele« heil
überstehen, kann ein tieferes spirituelles Verständnis hervorscheinen.

Tempelarbeit:
Mache heute wenn möglich wieder einen achtsamen Spaziergang
durch die Natur. Denke anschließend über die religiösen oder
spirituellen Vorstellungen nach, die du alsjunge(r) Erwachsene(r)
hattest. Hast du an irgendeinem Punkt deines Lebens das »Sakrament der Niederlage« empfangen - ein so tiefes Leid erfahren, daß alle deine bisherigen Ansichten über das Universum wie ein Kartenhaus einstürzten? Wenn ja, begannen sich anschließend irgendwelche neuen spirituellen Uberzeugungen in dir abzuzeichnen?

Mache dir ein paar Notizen.

Mittwoch, 6. September 2017

Gedanken am 7. September (Herbstmond)

Einer der Helden meiner Jugendzeit war Aldous
Huxley, dessen Buch Die Pforten der Wahrnehmung mir das
innere Universum erschloß. Ein anderer war der draufgängerische
Errol Flynn. Seine Autobiographie enthielt von den
bezauberndsten Blüten romantischer Phantasie bis hin zu
einem schroffen und oft brutalen Individualismus alles, was
einen echten Abenteuerroman ausmacht. Ganz besonders
faszinierte mich eine Textstelle, in der er in allen Einzelheiten
schilderte, wie er auf einer australischen Ranch Schafböcke
kastrierte. Errol Flynn mag nicht wie ein besonders
spirituelles Rollenideal aussehen, aber tatsächlich kommen
wir mit dem Archetypus des Höheren Selbst erstmals durch
Geschichten in Berührung, die von Helden, Weisen, Königen
und Königinnen, Propheten und Rettern handeln -
kurz, von Menschen, die in welcher Weise auch immer die
Grenzen dessen erweitern, was wir für »normal« erachten.

Tempelarbeit:
Beruhige deinen Geist und öffne dich der Weisheit des Unbewußten, indem du einen achtsamen Spaziergang machst oder für ein paar Minuten meditierst. Was waren deine Lieblingsfilme oder -bücher, als du ein Teenager warst? Wer waren deine Idole?
Welchen Teil deines sich entwickelnden Bewußtseins verkörperten

sie deiner Meinung nach? Mache dir ein paar Notizen.

Dienstag, 5. September 2017

Gedanken am 6. September (Herbstmond)

Die Adoleszenz, die Zeitspanne von der Pubertät bis zur
Reife, bringt ein Aufblühen des spirituellen Glaubens, der
aus einem Geflecht von persönlichen Erfahrungen und Archetypen
des kollektiven Unbewußten hervorgeht. Wir
überwinden die Schwarzweißmalerei der Kindheit, die aus
Gott einen mächtigen, mitunter übelwollenden »Über-
Opa« machte. Wenn unsere Eltern allerdings streng und
autoritär sind, schaffen wir diesen »Adoleszenzsprung«
möglicherweise erst in einer viel späteren Phase unseres
Lebens, wenn es uns endlich gelingt, die frühen Verletzungen
unserer Selbstachtung zu heilen. Aber wenn alles gutgeht
und wir ein zuversichtliches Selbstgefühl entwickelt
haben, das bereit ist, sich von den Eltern abzunabeln, besteht
die spirituelle Aufgabe der Adoleszenz darin, Rollenmodelle
zu finden, die unsere bisherigen numinosen Erfahrungen
bestätigen und erweitern.

Tempelarbeit:
Mache heute wenn möglich einen achtsamen Spaziergang. Wenn
du fertig bist, finde einen geeigneten Platz im Freien - oder setz
dich ans Fenster und sieh hinaus. Jetzt überlege: Wer waren in
meiner Jugend meine wichtigsten Rollenideale? Welches waren die
Werte, die sie symbolisierten? Ahnelten sie den Wertvorstellungen
meiner Eltern, oder waren sie davon verschieden? Mache dir ein

paar Notizen.

Montag, 4. September 2017

Gedanken am 5. September (Herbstmond)

Kinder leben in einer Welt der Feen und Dämonen, der
Helden und der Schurken - einer Welt, in der es nur
Schwarz und Weiß gibt, ohne alle Zwischentöne. Als Kinder
ängstigen wir uns leicht und lassen uns ebensoleicht wieder
trösten und beruhigen. Die Vorstellungen, die wir vom Universum
haben, sind in der Regel überaus plastisch und enthalten
nicht nur Dinge, die wir aus eigener Anschauung
kennen, sondern auch eine Unzahl von Gestalten und Motiven,
die seit Anbeginn der Zeiten die Mythen, Märchen und
religiösen Sagen der Welt bevölkern. Sie sind Teil des allen
Menschen gemeinsamen kollektiven Unbewußten, des Sediments
von Seelenerinnerungen, dem auch unsere persönlichen
Geschichten entspringen.

Tempelarbeit:
Entspanne dich in deine Atmung hinein und lasse dich in den
Frieden des Gebets der Sammlung oder der Shamatha-Vipassana-
Meditation sinken. Wie stelltest du dir als Kind die Entstehung der
Welt vor? Machtest du dir Gedanken über Himmel und Hölle?
Falls ja, wer mußte deinem damaligen Glauben nach wohin und

warum? Woran glaubten deine Eltern? Mache dir ein paar

Sonntag, 3. September 2017

Gedanken am 4. September (Herbstmond)

Als ich noch klein war, stand mein Bett unter einem großen Erkerfenster. Nachts lag ich ganz ruhig da und betrachtete den Mond. Eines Tages schenkte mir mein Vater eine Schallplatte mit einem Märchen über eine kranke Prinzessin.
Die Hofärzte konnten keine Kur für ihr Leiden finden,
aber zuletzt kam der Oberzeremonienmeister, dessen
tiefe Stimme voller Magie war, auf die Lösung: Die Prinzessin
mußte den Mond haben. Aber obwohl der Mond sehr nah
zu sein schien, reichte selbst die längste Leiter nicht an ihn
heran. Schließlich Heß der Zeremonienmeister für die Prinzessin
einen Silbermond anfertigen, und sie wurde wieder
gesund. Eine Zeitlang versuchte er, sie nachts vom Fenster
fernzuhalten, damit sie nicht merkte, daß es nicht der echte
Mond war, den sie da an einem Kettchen am Hals trug. Eines
Nachts aber erblickte sie doch das glänzende Gestirn am
Himmel: Da freute sie sich über die Maßen, daß Gott ein
neues hatte nachwachsen lassen, damit sich alle Menschen
daran erfreuen könnten.

Tempelarbeit:
Verweile für ein paar Minuten im Frieden des Gebets der Sammlung oder der Shamatha-Vipassana-Meditation. Kannst du dich daran erinnern, was früher deine Lieblingsgeschichte war? Hatte sie in irgendeiner für dich heute nachvollziehbaren Weise Bezug zu deinem spirituellen Leben? Mache dir ein paar Notizen.

Samstag, 2. September 2017

Gedanken am 3. September (Herbstmond)

Im Jahr 1937 hielt C. G . Jung in Yale eine später berühmt
gewordene Vorlesung, in der er seine Zuhörer aufforderte,
die starren Begriffe und Grenzen organisierter Religionen
zu überschreiten und zu einer unmittelbaren Begegnung mit
der religiösen Erfahrung vorzustoßen. Mein erster Tag in
der Hebräisch-Schule stellte eine solche Begegnung dar.
Von dem, was die Lehrer sagten, weiß ich kein einziges Wort
mehr, aber ich erinnere mich deutlich daran, wie ich von der
Form der hebräischen Buchstaben gepackt und - jenseits
allen bewußten Wissens - in eine Begegnung mit dem Geheimnis
entrückt wurde, die mir die numinose Gegenwart
Gottes offenbarte und die Verheißung schenkte, daß das
Leben voll unaussprechlicher Wunder ist.

Tempelarbeit:
Mache wenn möglich wieder einen achtsamen Spaziergang und
gib dich der unmittelbaren, nicht durch das Bewußtsein gefilterten
Naturerfahrung hin. Stelle dir nach deiner Gehmeditation die
Frage: »Was war meine erste spirituelle Erfahrung, meine erste
direkte Begegnung mit dem Numinosen?« Mache dir ein paar

Notizen für die spätere Verwendung.

Freitag, 1. September 2017

Gedanken am 2. September (Herbstmond)

#C. G. Jung unterschied zwischen einem persönlichen und
einem kollektiven Unbewußten. Das persönliche Unbewußte
wimmelt von - hellen wie dunklen - unterdrückten und
vergessenen Gefühlen, Bildern und Erinnerungen aus unserer
Vergangenheit. Dieser brodelnde Topf voll psychischer
Energie ist der verborgene Lenker und »Motivator« der
meisten unserer Handlungen. Das kollektive Unbewußte
wohnt jedem Menschen inne, unabhängig von seinen vergangenen
persönlichen Erfahrungen. Dieses mit Engeln und
Dämonen, Helden und Hitlern bevölkerte Reservoir archetypischer
Geschichten ist wie ein eingebautes Navigationsprogramm
für den Heimweg zu Gott. Die Mythen, religiösen
Anschauungen und Märchen aller Völker gehen aus
diesen kollektiven Archetypen hervor ebenso wie viele unserer
Träume, die uns auf unsere jeweilige Rolle im großen
kosmischen Drama aufmerksam machen.

Tempelarbeit:
Heute beginnt eine achttägige »Rückschauübung«, während
der du eine spirituelle Autobiographie schreiben und anfangen
wirst, in dein persönliches und das kollektive Unbewußte
hineinzublicken. Einige der folgenden Übungen habe
ich aus Dan Wakefields Buch Writing Your Spiritual Autobiography übernommen. Andere sind von den Werken des
Theologen James Fowler inspiriert, des Verfassers von Stufen
des Glaubens.
Verweile für ein paar Minuten in der Stille des Gebets der Sammlung oder der Shamatha-Vipassana-Meditation. Jetzt gehe in
deiner Vorstellung in die Zeit zurück und erinnere dich so deutlich
wie möglich an dein einstiges Kinderzimmer. Welches Bild hattest
du von Gott, als du noch in diesem Zimmer wohntest? Mache dir
ein paar Notizen, auf die du im weiteren Verlauf dieser Übung

zurückgreifen kannst.