Samstag, 15. Oktober 2016

Gedanken am 16.Oktober (Weinmond)


"Verletze nicht." Was ist mit Tierversuchen? Sie erscheinen wie eine unglaubliche Grausamkeit, wenn es darum geht, ein neues Haarspray zu testen. Sie erscheinen wie ein notwendiges Übel, wenn es darum geht, einen Impfstoff gegen AIDS zu entwickeln. Das Universum zieht selten eine klare, eindeutige Grenze zwischen Gut und Böse. Wofür wir uns in jedem Einzelfall auch entscheiden, ein Konflikt ist vorprogrammiert. Wie können wir da NICHT VERLETZEN?

Gedanken am 15. Oktober (Weinmond)


"Verletze nicht" In meinem Kleiderschrank hängt ein Waschbärmantel. Der Schaden ist schon geschehen. Die Waschbären sind tot. Ich habe den Ratschlag verworfen, den Pelzmantel zu begraben, weil dies das Opfer der Tiere sinnlos gemacht hätte, ihr Geschenk zu missachten. Also blieb der Mantel mehrere Jahre lang im Schrank hängen - als Symbol meines Kneifens vor einer Entscheidung. Schliesslich entschloss ich mich, ihn zu tragen. Bei unserem allerersten Spaziergang trat eine Freundin an mich und die Waschbären heran. Sie wies darauf hin, wer Pelze trage, übermittle anderen die Botschaft, es sei völlig in Ordnung, dies zu tun. Also werden sich noch mehr Tiere die Beine abnagen müssen um sich aus Fangeisen zu befreien. Den Ausweg aus diesem Dilemma lieferten mir ukrainische Freunde. Für einen schönen Pelzmantel kann man sich drüben eine ganze Wohnung kaufen. Also zogen die Waschbären nach Kiew um.

Gedanken am 14. Oktober (Weinmond)


Jetzt, da wir uns ein paar Tage lang Gedanken über die Kultivierung der Tugend gemacht haben, sind wir bereit für deren natürliche Folge, für ein Handeln, das "nicht verletzt". Auch wenn nichtverletzendes Handeln die selbstverständige Folge wohlwollender Güte zu sein scheint, ist das Leben voller Konfliktsituationen. Genau dadurch, dass wir in solche Situationen gebracht werden und Gut und Böse nach besten Vermögen aussöhnen, wächst unsere Seele. Was ist beispielsweise mit den fanatischen Abtreibungsgegnern, die mit lautersten Absichten Frauen seelische und vielleicht sogar physische Gewalt antun? Auch wenn sie ihr Verhalten damit rationalisieren können, dass ihre jetztige Gewalttätigkeit in den USA später Babys das Leben retten wird, sind sie ausserstande, ihren Kurs zu verfolgen und "nicht zu verletzen".

Donnerstag, 13. Oktober 2016

Gedanken am 13. Oktober (Weinmond)


Die Kultivierung der Tugend durch wohlwollende Güte ist zugleich ein selbstloser und - wie der Dalai Lama es nennt -"weiser eigennütziger" Vorgang. Dies hat einen sehr einfachen Grund. Jede Tat löst eine Reaktion aus, daher müssen wir die Auswirkungen all unserer Handlungen akzeptieren und tragen. Im Hinduismus, Buddhismuss und anderen asiatischen Religionen nennt man dies das Gesetz des karma. Auf hebräisch spricht man von sekhar veonesh. Die unmittelbare Auswirkung einer freundlichen Tat ist, dass es uns glücklich macht, sie zu vollbringen. Die langfristigen Auswirkungen von Freundlichkeit und Güte reichen so weit wie die Zeit selbst, da sie von Generation zu Generation weitergereicht werden.

Gedanken am 12. Oktober (Weinmond)


Die religiösen Institutionen täten freilich nicht schlecht daran, die Pflege der Tugend als Massstab ihres Erfolges zu betrachten. Karen Armstrong, die Verfasserin des hervorragenden Buches "A History of God", kritisierte in einem in der Zeitschrift Time veröffentlichten Interview die modernen religiösen Institutionen. Sie sagte: "Nur das westliche Christentum macht ein solches Tamtam um Dogmen und Glaubenssätze. Die Echtheit einer Religion kann ich nicht daran testen, was ich GLAUBE, sondern was ich TUE, und wenn meine Religion kein echtes Mitgefühl mit allem Lebendigen zum Ausdruck bringt, dann ist sie nicht echt."

Gedanken am 11. Oktober (Weinmond)


Ich habe in Hugh und Gayle Prathers Buch für Paare eine kurze Passage gefunden, die mir seit dem als Richlinie zur Kultivierung der Tugend in Beziehungen dient: "Wird je eine Zeit kommen, da wir nicht mehr so hart an unserer Beziehung zu arbeiten haben werden? Nein, es wird eine Zeit kommen, da es kein Nachlassen in unseren Bemühungen geben wird. Es wird eine Zeit kommen, da es für uns unvorstellbar sein wird, einander nicht mit der ausgesuchtesten Freundlichkeit zu begegnen."

Sonntag, 9. Oktober 2016

Gedanken am 10. Oktober (Weinmond)


Ein Aspekt der Kultivierung der Tugend ist, wohlwollende Güte zum Hauptmotiv jeder Handlung zu machen. Zu diesem Zweck müssen wir jedoch Güte oder wahre Freundlichkeit von "Rechtmacherei" unterscheiden können. Solange wir nicht die Bescheidenheit und Selbstachtung entwickelt haben, die aus echter innerer Sicherheit erwachsen, laufen wir leicht Gefahr, Schuldgefühle zu verspüren, wenn es uns nicht gelingt, es den Leuten "recht zu machen" - und zwar selbst dann, wenn dieses Rechtmachen in irgendeiner Weise schädlich oder falsch wäre. Wohlwollende Güte ist die Haltung, die eine seelisch gesunde Mutter gegenüber ihrem Kind einnimmt und die aus ihrem uneigennützigen Wunsch erwächst, dessen bestes Potential zu fördern. Solch eine Mutter setzt natürlich Grenzen und spricht durchaus auch einmal ein Machtwort, aber stets mit der grössten Achtung und Liebe.